Über die Fortbewegung

Hela erklärt die Welt

Hela ist 2 und hat das Angelman Syndrom. Während gleich­altrige durch die Spielwiesen hopsen, widmet sie sich lieber scharf­sin­nigen Beobachtungen und stellt sich unerschrocken diversen Fragen philo­so­phi­scher Natur. Könnte sie sprechen, würde sie mögli­cher­weise das hier sagen…

Ich frage mich oft, warum alle so versessen sind darauf, dass man sich fortbewegt oder präziser ausge­drückt, dass ich mich fortbewege. Wenn sie richtig fies sind, legen sie ganz tolle Sachen außerhalb meiner Reichweite und sagen zu mir: „Na los, hol es dir! Du schaffst es!“

Na, klar schaffe ich das! Nur, warum soll ich? Alle holen sich verschieden Sachen von überall her. Die Sachen liegen da, starren die Decke an und die Menschen laufen zu denen und holen sie sich. Das macht doch überhaupt keinen Sinn. Ich arbeite daran, dass die Sachen zu mir kommen! Ja, das klingt vielleicht etwas verrückt aber ich weiß, dass das möglich ist — kraft meines Willens und der ist stark, das könnt ihr mir glauben. Stärker als Mamas Kaffee, das will was heißen. Ich muss nur an der Sache intensiv arbeiten. Selbstverständlich ist das viel schwie­riger als anders­herum und wird daher wahrscheinlich auch viel länger dauern. Aber sollte das klappen, dann wird es eine enorme Zeit- und Kraftersparnis sein und zwar lebenslang! Da nehme ich den anfäng­lichen Zeitaufwand in Kauf.

Wenn ich etwas brauche, bewege ich mich passiv fort. Also mit der kleinsten nötigen Menge an Aktivität. Da gibt es schon einige gute Wege. Der beste ist, sich im Liegen zu strecken. Ich bin nun 81 cm lang, man ahnt aber nicht, was man alles dank Streckens erreichen kann. Mit genug Spannung und in einem schön durch­ge­streckten Bogen hole ich noch mindestens weitere 10 Zentimeter raus. Kein Scherz. Da kommt man schon an Dinge ran, an denen die  Erwachsenen mich nie vermutet hätten. Neulich hat meine Mama in der Zeitung von einem 13-jährigen Palästinenser gelesen, der einen Weltrekord in Verrenkungen aufge­stellt hat. Mit der Brust auf dem Boden liegend kann er innerhalb von einer Minute 38 Mal um seinen Körper herum­laufen. Ich frage mich, wozu das gut sein soll, außer man will in die Zeitung. Aber ich wette, wenn der Junge neben mir auf der Krabbelmatte liegt und man platziert innerhalb unserer Streckweite etwas, was man so unbedingt haben will, dann wette ich, ich bin diejenige die zuerst an den Schnuller rankommt!

Ich glaube viele wollen mich krabbeln sehen. Solch ein Blödsinn. Manchmal habe ich das Gefühl, die Leute denken ich wäre entweder doof oder blind. Bin ich aber nicht. Ich mag zwar schielen aber das ist pure Strategie — das verwirrt die Menschen dermaßen, dass ich mir dann alles ganz genau in Ruhe anschauen kann. Sie denken ich würde nicht hingucken. Aber ich beobachte alles ganz genau und noch nie habe ich Mama oder Papa, tja, nicht mal meinen großen Bruder durch die Wohnung krabbeln sehen. Auf den Straßen, in den Supermärkten… Krabbelt da bitte irgendwer? Also warum soll ich?

Anders würde die Sache aussehen, würde sich die Menschheit mehrheitlich so fortbe­wegen. Man krabbelt zum Bäcker, der krabbelt hinter der Theke zum Brotregal und mit einem Schwabenleib im Mund zum Kunden zurück. Das dauert doch etwas länger als sonst, die Brötchen im Ofen fangen an zu qualmen, der Rauchmelder geht an und löst den Feueralarm aus. Kein Problem, da kommt schon die Feuerwehr angekrabbelt. Klingt doof? Aber für mich soll das gut sein…

Neulich war bei uns so ein kleines Mädchen zu Gast, 9 Monate alt oder vielleicht 10. Sie krabbelte durch die ganze Wohnung hin und her. Na, Wahnsinn. Zum Schluss krabbelte sie gegen ein Tischbein und hat sich eine satte Beule auf die Stirn raufge­schlagen. Das Gejammer dauerte gute 5 Minuten. Ich hingegen weine fast nie. Ich halte lieber inne und überlege gründlich, ob es einen Anlass dazu gibt. Und wenn man sich die Sache so richtig gründlich überlegt hat, kommt man zum Schluss, dass es keinen Grund zum Heulen mehr gibt. Hat vorher etwas weh getan, dann tut es meistens auch nicht mehr weh. Krabbeln ist mir einfach zu doof. Es sieht schmerzhaft aus und ich bin mit meinen zwei Jahren schon eh zu alt dafür.

Stehen, das macht Spaß. Das mache ich richtig gerne, denn Aufrecht zu sein bringt schon einige Vorteile mit sich. Laufen sieht aber verdammt anstrengend aus.

Und warum sind alle überhaupt so fixiert darauf, dass man laufen kann. Der ganze Trubel um die Fortbewegung geht mir ordentlich auf die Nerven. Die unzäh­ligen Entwicklungskalender, wo man eintragen kann, dass der kleine Max schon mit 6 Monaten krabbeln und mit 11 Monaten laufen konnte. Die kriegt man neulich an jeder Ecke hinter­her­ge­schmissen. Man geht in die Apotheke, will Nasentropfen, man kriegt die Apothekenzeitschrift dazu, na klar, mit einem kosten­losen Entwicklungskalender fürs erste Jahr beigelegt. Sogar in den Drogerie-Märkten wird man damit beworfen. Ich appel­liere an eure Vernunft: Verbrennt sie alle! Brennen sollen sie lichterloh, bis nur ein Haufen Asche davon übrig bleibt, denn mehr sind sie nicht, meiner Meinung nach, nur ein Haufen Asche. ICH bin eine Dame und eine Anarchistin. Ich passe in keine Tabelle und sprenge alle Diagramme.

Nun zurück zum Thema. Man soll sich wie der letzte Depp abmühen, um sich schnell und effektiv fortbe­wegen zu können aber dann verbringen doch die Erwachsenen das meiste Leben im Sitzen. Sogar meine nette Physiotherapeutin, die mich oft besucht. Sie kommt zu mir und SETZT sich sofort auf die Krabbelmatte. Nein, sie krabbelt nicht durch unser Wohnzimmer, sie robbt nicht, sie läuft nicht, sie hüpft nicht, sie tänzelt nicht. Sie kommt und setzt sich zu mir hin. Das soll einer verstehen. Sitzen kann ich schon gut. Ich sitze fest wie ein Felsen. Ich sitze da und wenn alle glauben, dass ich nicht da wäre, arbeite ich daran, dass sich die Sachen zu mir bewegen.

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