Archiv für den Monat: Juli 2018

Kinderlieder und die Flüchtlingsdebatte

Vor einiger Zeit haben wir von einer Nachbarin einen Stapel Kinderbücher bekommen. Sie gehörtem ihrem Sohn, der mittler­weile schon über 30 ist – es handelt sich also nicht um Neuerscheinungen. In einem Buch mit Kinderliedern, veröf­fent­licht in 1979, entdeckte ich mit meinem Sohn zwischen „Drei Chinesen mit dem Kontrabass“ und „Backe, backe Kuchen“ die Seite, die ihr auf dem Foto seht. Mit diesem Lied:

Maikäfer, flieg!
Dein Vater ist im Krieg,
deine Mutter ist in Pommerland,
Pommerland ist abgebrannt.
Maikäfer, flieg!

Diese Seite hat mich innerlich zusam­men­zucken lassen. Ich habe aufgehört vorzu­lesen und schnell umgeblättert – Kriege gehören nicht in Kinderliederbücher, dachte ich im ersten Impuls.

Als mein Sohn schon schlafen gegangen ist, habe ich nachge­dacht. Emil beweint im Moment jede Fruchtfliege, die im Saft ertrunken ist und jede Ameise, über die ein Fahrrad gefahren ist. Deswegen versuchen wir ihm das Traurige, wenn nicht ganz zu ersparen, dann zumindest dezent zu portio­nieren. Ich glaube, wie alle Eltern versuchen wir unsere Kinder vor dem Bösen der Welt zu beschützen. Keine Kriegsbilder, kein Blutvergießen, keine Grausamkeiten.

Für meine Generation ist der Frieden ganz selbst­ver­ständlich. Die Kriegsverbrechen, die Gräueltaten  — die gab es mal, die gibt es anderswo, das wissen wir. Ist ganz furchtbar. Aber bei uns herrscht Ruhe. Und was ein Krieg ist, erfahren unsere Kinder aus der Sendung mit der Maus.

Nur immer häufiger, wenn ich die Nachrichten schaue, denke ich darüber nach, ob das Lied Maikäfer, flieg doch nicht wieder in den Kinderbüchern abgedruckt werden sollte. Damit wir alle daran erinnert werden, was auf dem Spiel steht, wenn sich die Hassparolen und die Respektlosigkeit anderen Menschen gegenüber ausbreiten.

Dazu ein sehr aktuelles Fragment aus dem Text „Gedächtnisübungen“ von R. Kapuściński, dem Meister der Reportage und einem scharf­sin­nigen Analytiker, der den Zweiten Weltkrieg als Kind und mehrere Bürgerkriege als Journalist erlebt hat.

In dem uns möglichen Maße sollten wir alles bekämpfen, was wieder zu Krieg, Verbrechen und in eine Katastrophe führen könnte. Denn wir, die den Krieg durchlebt haben, wissen, wie er beginnt und wo seine Ursachen liegen. Wir wissen, dass er nicht nur mit Bomben und Raketen beginnt, sondern mit Fanatismus und Stolz, Dummheit und Verachtung, Ignoranz und Hass. All das bereitet ihm einen Nährboden, auf dem er wachsen und sich ausbreiten kann. Deshalb sollten wir die Verschmutzung menschlicher Beziehungen durch Ignoranz und Hass bekämpfen, genauso wie einige von uns die Luftverschmutzung bekämpfen.“

Würde der Maikäfer heutzutage losfliegen und in der Bundesrepublik Deutschland ankommen, würde er als ein/e minderjährige/r Geflüchtete gelten. Er würde zunächst vom Jugendamt in Obhut genommen werden und einem Erstscreening unter­zogen werden. Man würde sein Gesundheitszustand einschätzen und klären, ob er Verwandte in Deutschland hat, die sich um ihn kümmern können. Die EU würde ihm einen beson­deren Schutz zusprechen. Er dürfte höchst­wahr­scheinlich bis zur Vollendung vom 18. Lebensjahr in Deutschland mit einer Duldung leben. „Eine Duldung verschafft dem Ausländer keinen recht­mä­ßigen Aufenthalt in Deutschland; der Geduldete muss weiterhin das Bundesgebiet verlassen, es wird aber vorüber­gehend davon abgesehen, die Ausreisepflicht mit dem Zwangsmittel der Abschiebung durch­zu­setzen.“ (Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung, www.bpb.de)

Den ganzen Text von Ryszard Kapuścinski kann man auf Deutsch u.a. hier nachlesen: http://www.tlaxcala.es/pp.asp?reference=6777&lg=de

Die Übersetzung ins Deutsche stammt von Susanne Schuster und wurde von Fausto Giudice überprüft.

Das Blaulicht

Was ihr hier seht, ist weder eine Kunstinstallation noch eine Aufnahme aus einer Disco. Es ist das Blaulicht eines Krankenwagens vor unserem Balkon. Diesmal leuchtete es nicht für uns, sondern für unsere Nachbarn.

Siebenmal hat uns der Rettungswagen letztes Jahr ins Krankenhaus gebracht. Jedes Mal war unsere Hela in einem elenden Zustand. Fast jedes Mal musste unser Sohn miter­leben, wie seine komatöse Schwester und seine erschro­ckene Mama in dem Rettungswagen verschwanden und wegfuhren. Die Blaulichtfahrten hatten wir immer der Epilepsie in Verbindung mit diversen, teilweise schweren Infekten zu verdanken, mit einer einzigen Ausnahme von akuter Atemnot bei einer Bronchitis. Was Hela über die spekta­ku­lärste Krampfepisode geschrieben hat, könnt ihr hier nachlesen.

Ich kann mich erinnern, wie ich wochenlang meinen Klinikkoffer vor dem Entbindungstermin unseres Sohns gepackt habe. Der Inhalt wurde zwei oder gar dreimal mit den Check-Listen aus dem Schwangerschaftsbuch und aus dem Internet abgeglichen. Alles hatte seinen Platz, seine Richtigkeit und lag sorgfältig zusam­men­ge­faltet im Koffer in Erwartung auf den großen Tag. Dann muss ich daran denken, wie ich vor der ersten Fahrt mit dem Krankenwagen alles, was ich im Panikzustand für notwendig hielt, chaotisch in die Wickeltasche reinge­worfen habe und wie sich nach dem zweiten, dritten, vierten Krankenhausaufenthalt mit unserer Tochter die neue Klinik-Checkliste in meinen Kopf einge­brannt hat. Irgendwann mal waren ich und der Papa imstande innerhalb von 3–5 Minuten die Kliniktasche für mich und das Kind einwandfrei zu packen. Die Klinikpyjamas lagen ja schon bereit im Schrank und beim Drogeriebesuch nahm ich die kleinen Proben, nicht um ein neues, tolles Körperpflegeprodukt zu finden, sondern weil die Dinge beim nächsten Krankenhausaufenthalt so praktisch sein würden. Irgendwann mal hieß es in der Bereitschaft zu leben. In dem Wissen, dass die nächste Katastrophe wahrscheinlich bereits vor der Tür steht. Keine langfris­tigen Pläne, jede Minute von der kranken­haus­freien Zeit bestmöglich nutzen, um das Nötigste vor dem nächsten Klinikaufenthalt zu erledigen. Bloß nicht wehmütig werden. Bloß nicht zu viel nachdenken. In Bereitschaft bleiben.

Heute feiern wir ein Jahr ohne Krankenhaus. Das Blaulicht leuchtet nicht für uns. Hela ist aus ihren Klinikpyjamas ausge­wachsen, mein Klinikpyjama habe ich entsorgt. Trotzdem schlägt mein Herz jedes Mal schneller, wenn ich das Martinshorn höre. Obwohl schon ein Jahr vergangen ist (und damit bald ein Fünftel des Lebens von unserem Sohn), meinte neulich Emil zu uns, als wir einen anderen Weg als sonst zu seiner Kita gefahren sind: „Ja, den Weg kenne ich schon. Den sind wir doch immer zum Krankenhaus gefahren, als Hela nicht atmen konnte.“ (Tatsächlich gab es zu dieser Zeit eine Umfahrung, die man auf dem Weg zur Klinik immer nehmen musste). Die Unruhe bleibt, denn wir können nie sicher sein, was die Epilepsie mit unserer Tochter noch vor hat. Scheinbar haben wir die Anfälle momentan im Griff und doch wissen wir, dass sich dies ganz schnell ändern kann.

Ich weiß nicht, ob dieser Beitrag je von einem Rettungssanitäter oder einem Notarzt gelesen wird. Trotzdem möchte ich an dieser Stelle anmerken, wie dankbar ich jedes Mal dafür war, dass der Rettungswagen innerhalb von wenigen Minuten kam. Das Wissen, dass man nicht allein gelassen wird, dass profes­sio­nelle Abhilfe schnell kommt und dass man sich darauf verlassen kann, dass sie kommt, macht das Ganze zwar nicht einfach aber doch viel einfacher zu ertragen. Was bei uns zulande für selbst­ver­ständlich gilt, ist in vielen Teilen der Welt ein Luxus. Wie ist es, wenn der Krankenwagen über eine Stunde für die Anfahrt braucht, weil es einfach viel zu wenige Rettungswagen und Rettungsteams gibt? Wie ist es, wenn man ein Kind in schwerem Zustand selbst ins Krankenhaus fahren muss? Oder was macht man, wenn es weder ein Krankenhaus noch einen Arzt in der Nähe gibt? In diesem Sinne: DANKE!!! Ich hoffe wir sehen uns nie wieder.

Bastelanleitung: Chupa chups öffnen

Diese Zeichnung von Kura fand Mama schon immer sehr überzeugend. Am Wochenende lieferte das Leben einen Beweis dafür, wie schnell sich Kuras Idee unter Eltern verbreitet hat. Auf einem Sommerfest, an einem Bastelstand für Kinder zufällig gesehen…

Auf Kura zeichnet findet ihr noch viele weitere Lifehacks, die euer Leben verändern werden!

Meine Lieblingsbücher

Hela erklärt die Welt

Hela ist 3 und hat das Angelman Syndrom. Während gleich­altrige durch die Spielwiesen hopsen, widmet sie sich lieber scharf­sin­nigen Beobachtungen und stellt sich unerschrocken diversen Fragen philo­so­phi­scher Natur. Könnte sie sprechen, würde sie mögli­cher­weise das hier sagen…

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Pünktlich 91 Tage nach dem Welttag des Buches wollte auch ich das Thema Literatur wieder aufgreifen. Wie bereits in dem Beitrag Lesen mit allen Sinnen erwähnt, bin ich eine begeis­terte Leserin und glotze Bücher nicht nur an, sondern erlebe sie immer mit allen Sinnen. Meiner Meinung nach eignen sich dazu alle Publikationen. Meine Eltern haben da eine andere Meinung und sehen es äußerst ungerne, wenn ich ihre Bücher oder auch die Bücher von meinem Bruder auf meine Art lese. Das ist aber halb so wild, denn ich habe meine eigene Bibliothek. Hier möchte euch meine aktuelle Best-of-Liste vorstellen – vielleicht findet ihr hier etwas, was auch euren Kindern gefallen wird.

Wenn ihr mich fragt, was ein gutes Buch ausmacht, da ist die Antwort ganz klar: Klappen, Folien, Ringbindung. Folien. Ganze Folienseiten. Kleine Folienelemente. Bunte Folien. Ganz dursichtige Folien. Folien auf schwarzem Hintergrund. Folien auf  weißem Hintergrund. Ich kann nicht genug davon kriegen.

Die kleine Nixe

Deswegen steht ganz oben auf meiner Liste Die kleine Nixe von Vanessa Paulzen (Edition Bücherbär). Je nachdem, wo man es liest und bei welchen Lichtverhältnissen, entdeckt man immer wieder neue Elemente, Reflexe und Spiegelungen. Wie ihr auf dem Foto sehen könnt, begleitet mich das Buch jetzt schon eine ganze Weile. Ich und die kleine Nixe haben schon einiges zusammen durch­ge­macht, langweilig ist uns noch nie geworden.

Die kleine Nixe steht auf Folien — so wie ich.

Und dann ist da noch  die fantas­tische Bücherreihe Licht an vom Meyers Verlag, die sowohl ich, als auch mein Bruder mit Begeisterung erfor­schen. Wir haben sehr viele Bücher dieser Serie. Mich persönlich haben zwei besonders angetan – Wunderwelt Körper und Nachts auf der Baustelle (alle anderen sind auch faszi­nierend nur gehören sie meinem Bruder). Das Letztere überrascht mich immer wieder durch die komplett schwarz-weißen Seiten, die gleich nach den bunt bedruckten Folienseiten kommen. Ich finde solch ein starker Kontrast hat einen ganz eigenen Charme – er wirkt ziemlich außer­ge­wöhnlich in der ansonsten so farben­reichen Welt der Kinderbücher. Mein Bruder liest die Licht an – Bücher, indem er zwischen die Folienseite und die schwarze Seite die beigelegte Taschenlampe aus Papier reinlegt und so die abgebil­deten Sachen „anleuchtet“. Ich hingegen lese die Seiten auf meine Art und Weise. Ohne Taschenlampe, dafür mit ganz viel Neugier, unter­suche ich die Beschaffenheit jeder Seite einzeln und sehr ausgiebig.

Nachts auf der Baustelle — aus der “Licht an” — Serie

Ebenfalls vom Meyers Verlag stammt auch mein absolutes Lieblingsbuch: Die Katze. Ein Folienkätzchen zum Anfassen – was will man mehr? Ich spiele gerne mit seinen Tatzen und bringe es zum Springen, indem ich die Seiten bewege. Einmalig. Das Buch ist schlicht, nicht zu überladen mit Informationen und schön illus­triert. Wahrscheinlich deswegen hat mein Bruder viele inter­es­sante Details über Katzen erfahren und ist zu einem großen Katzenliebhaber geworden. Für mich ist das in den Büchern enthaltene Wissen nicht so wichtig, wie die Erfahrung, die ich mit dem Buch machen kann. Damit ist man bei den Büchern mit Folien bestens bedient.

Die Katze

Wer eher auf die Akustik steht, dem wird sicherlich auch die Lektüre von Was rattert und klickt zu Hause von Ravensburger gut gefallen. Auf jeder Seite kann man etwas bewegen, was dann auch tolle Geräusche macht – zum Beispiel einen Bohrer oder eine Waschmachine. Ich kann die Klappen noch nicht selbst bedienen – jeder weiß doch, dass 3jährige nicht ohne elter­liche Aufsicht mit einem Bohrer oder mit einer Waschmachine spielen sollten. Deswegen lege ich einfach meine Hand auf die Seite und meine Mama hilft mir dann, das Richtige zu tun.

Klappenbücher habe ich erst vor kurzem für mich entdeckt. Sind die Klappen groß genug und leicht zu öffnen, kann ich sie auch selbst aufmachen.  Hier das Buch, das ich momentan am besten finde. Nicht zu groß, nicht zu viel auf einmal und dazu schön stabil.

Zum Schluss noch eine ganz tolle Position, die beweist, dass man bei meiner Lesensart Bücher vielleicht nicht für die nächsten Generationen aufbe­wahren wird aber auf jeden Fall so mehr entdecken kann. Auch das für die Allgemeinheit Verborgene.

Hoppla. Ein Scanimation Buch von Rufus Butler Seder. Bewegt man die Seiten des Buches, bringt man  die im Buch abgebil­deten Tiere zum Laufen, Hüpfen oder Fliegen. Immer wieder. Und immer wieder. Geht man der ganzen Sache genauer auf den Grund, entdeckt man überra­schende Details und kann auch zusätzlich Kenntnisse in Englisch und Chinesisch erlangen! Denn den Neugierigen gehört die Welt!

In diesem Sinne – viel Spaß beim Lesen!

Eure Hela